Vorwort
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Vorwort zur neuen deutschen Neuausgabe


Ein Jahrzehnt nach dem Ende des kalten Kriegs und dem Zusammenbruch der Sowjetunion erschütterten die Ereignisse des 11. September 2001 die Grundlagen der zivilisierten Welt wie kein anderes Ereignis seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Vor allem schienen sie das Selbstvertrauen der einzigen verbliebenen Supermacht der Welt, der Vereinigten Staaten ins Wanken zu bringen. Ersichtlich war, daß eine prompte und massive militärische Antwort gegeben werden mußte. Innerhalb von Wochen nach den verheerenden Angriffen auf New York und das Pentagon verwüsteten amerikanische Bomber Landstriche und Ortschaften in Afghanistan, einem abgelegenen, verzweifelten und hauptsächlich vergessenen Außenposten des kalten Krieges. Die Geschwindigkeit, mit der die dürftig ausgerüsteten Taliban und ihre Verbündeten von Al Qaida zusammenbrachen oder sich zurückzogen, überraschte viele. Die Welt hatte sich mit außergewöhnlicher Einmütigkeit hinter einen unerfahrenen, unsicheren amerikanischen Präsidenten, George W. Bush, gestellt, als er damit rang, seine Nation und die Welt in den Kampf gegen eine neue Bedrohung zu führen, die von unberechenbaren Terrorteams, denen primitivste Waffen wie Pappmesser bei der Entführung von Passagierflugzeugen genügten, um diese Flugzeuge in unvorstellbare Zerstörungswaffen zu verwandeln.

Nur wenig mehr als ein Jahr nach den traumatischen Geschehnissen des 11. September jedoch beobachtet die Welt in wachsendem Maße alarmiert, wie sich der Brennpunkt der amerikanischen militärischen Druckausübung allem Anschein nach von dem Ziel, Osama bin Ladins Al Qaida und ihre Verbündeten an verschiedenen Stellen auf den Philippinen, im Jemen, in Georgien und anderswo zu bekämpfen, verlagert hat. Der junge Präsident Bush, der Ronald Reagans Echo von vor zwei Jahrzehnten zurückwirft, sprach von einer neuen "Achse des Übels", das die Zivilisation bedroht. Der Irak, Brennpunkt amerikanischer militärischer Gewaltanwendung vor elf Jahren, als die erste Auflage dieses Buchs geschrieben wurde, steht wieder einmal im Mittelpunkt.

Während Washington einseitig die Vorbereitung für ein gegen den Irak gerichtetes Militärunternehmen begann, reagierte der Großteil der restlichen Welt einschließlich der Koalitionspartner Washingtons von 1990 während der ersten Wüstensturmoffensive alarmiert über die Beweggründe dieser letzten Washingtoner Initiative. In Europa, wenn man vom britischen Premierminister absieht, distanzierten sich die meisten Regierungen von der Vorbereitung der USA auf einen Irak-Krieg. Einzig Tony Blair schien an der langjährigen angloamerikanischen "Sonderbeziehung" festzuhalten und unterstützte Washington trotz wachsender Opposition in den eigenen Reihen seiner Labour Party.

Der deutsche Kanzler wies mitten in einer erbitterten Wiederwahlkampagne offen jede finanzielle oder politische Beteiligung an Washingtons Vorbereitungen auf einen Krieg gegen den Irak zurück, sogar für den Fall, daß die Vereinten Nationen einen solchen Krieg decken würden. Ein prominenter Neo-Konservativer in Washington, einer der radikalsten Falken in Bezug auf den Irak, erklärte anmaßend den deutschen Medien, daß nur ein sofortiger Rücktritt des Kanzlers Schröder zu einer Auflockerung der amerikanisch-deutschen Spannungen beitragen könne. Während das Weiße Haus zu versuchen schien, diese extreme Stellungnahme abzumildern, war es  in den Monaten der eskalierenden Dynamik zum Krieg offenkundig, daß die europäisch-amerikanischen Beziehungen in eine seit 1945 nicht mehr erlebte Krisenphase eingetreten waren. Frankreichs Außenminister hatte zu Beginn des neuen Jahrhunderts, sich auf die überwältigende militärische Dominanz in den Händen einer einzigen Macht beziehend, Amerika als eine Hypermacht bezeichnet und prägte damit einen neuen Begriff für einen neuen Sachverhalt. Amerikas überwältigende militärische Macht war nichts Neues; dieses Verhältnis hatte seit Anfang des kalten Kriegs bestanden. Neu aber war die Drohung, daß Amerika diese Macht einseitig ohne seine traditionellen Verbündeten verwenden könnte, um das Weltgeschehen allein nach seinem Verständnis von nationaler Sicherheit zu formen.

Ungefähr elf Jahre nachdem sein Vater gegen Saddam Husseins Irak wegen des Überfalls auf Kuwait und wegen der Gefährdung der strategischen Ölversorgung für die Welt in den Krieg gezogen war, drohte George W. Bush mit einem neuen Krieg gegen den Irak. Dieses Mal waren viele europäische politische Beobachter davon überzeugt, daß die Gründe für einen solchen Krieg mehr mit enormem politischen Druck auf den amerikanischen Präsidenten durch eine Koalition von politisch aktiven christlichen Fundamentalisten zu tun hatte, die sich mit einflußreichen proisraelischen Neo-Konservativen verbündet hatten, einer Koalition, die auch die aggressiven Militäraktionen von Premierminister Sharon gegen die Palästinenser unterstützte. 1990 hatte der ältere Bush sich dagegen offen gegen Israel gestellt und es unter Druck gesetzt, sich aus den unrechtmäßig angelegten Neuansiedlungen auf dem Westufer des Jordans zurückzuziehen, hatte überdies neue Hilfszahlungen für Israel verweigert, um von den arabischen Staaten Rückendeckung für den Krieg gegen den Irak zu erhalten. Die USA setzten 1991 Israel sogar unter Druck, irakische Raketenangriffe nicht mit Gegenschlägen zu beantworten. Präsident Bushs spätere Wahlniederlage gegen einen unbekannten Bill Clinton 1992, davon waren Bush und sein Sohn fortan überzeugt, kam zustande, weil die gutorganisierte Christliche Rechte Israel unterstützte und gegen Bush war. War der jüngere Bush nun in einem Wahljahr so sehr Geisel dieser mächtigen, organisierten Kräftekonzentration, daß er den Bruch mit Amerikas langjährigen Alliierten über das Vorgehen gegen den Irak riskierte?

Manche Beobachter begannen andere Vermutungen über die Tagesordnung hinter den Kriegsvorbereitungen der USA anzustellen. War es die Geopolitik des Öls? Wenn ja, mit welchem Ziel? Zur Sicherstellung der Versorgung der Weltwirtschaft oder zur strategischen Beherrschung des Ölflusses? Die Operation Enduring Freedom in Afghanistan hatte den Vereinigten Staaten zu strategischer Militärpräsenz in einer Region von Usbekistan bis Georgien verholfen, in der die heißumstrittenen Öl- und Gasvorkommen um das Kaspische Meer lagern. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen der letzten Zeit gegen den Irak errichteten die US-Streitkräfte eine komplett modern ausgerüstete Luftwaffenbasis auf Qatar im strategischen Persischen Golf und verschafften den Vereinigten Staaten somit eine militärische Präsenz von Inçirlik in der Türkei, das  nahe an einer projektierten Pipeline vom Kaspischen Meer liegt, bis an das Arabische Meer und den Persischen Golf. Hochrangige Militärbefehlshaber der USA begannen auch im stillen Gespräche über dort anzulegende Basen mit den Inselregierungen von São Tomé und Príncipe,  welche nahe genug an den ölreichen westafrikanischen Ländern Nigeria und Angola liegen.

Während die Verhandlungen über eine neue Resolution des Sicherheitsrats über Inspektionen im Irak mit Frankreich und Rußland, die für die Unterstützung eines Krieges gegen den Irak den Ausschlag geben, intensiver wurden, begannen bereits Spekulationen darüber, ob Washington sich auf ein neues geheimes Sykes-Picot-Abkomen einlassen könnte, um die Zustimmung der beiden wichtigsten Mitglieder des Sicherheitsrats mit Vetorecht Rußland und Frankreich zu gewinnen, die beide lebenswichtige Interessen an der Entwicklung der gewaltigen unerschlossenen Ölreserven des Irak haben. Britische, russische und französische multinationale Ölkonzerne hielten alle Anteile an irakischen Ölfeldern, die so lange unbrauchbar waren, wie die UN-Sanktionen gegen den Irak bestehen blieben. Die geheimen nach Sykes und Picot benannten Vereinbarungen während des Ersten Weltkriegs hatten die heutigen Nahoststaaten als Anreiz für die Araber zum Krieg gegen die Achsenmächte um Deutschland aus dem zerfallenden Osmanischen Reich herausgeschnitten. Steckte dieses Mal Washington hinter einer neuen Version solch einer Neuaufstückelung der Staatsgebiete?

Ob eine solche neue Sykes-Picot-Verabredung dem Druck der USA auf den Irak zugrundeliegt oder nicht, die historischen Parallelen drängen sich auf. Dieses Buch verfolgt einen manchmal fast unsichtbaren Faden oder eine rote Linie von Ölgeopolitik, von Militärmacht und Finanzmacht, die mehr als ein Jahrhundert lang ein Hauptfaktor für die Entscheidungen von Regierungen, Terroristen und ganzen Ländergruppen wie der Europäischen Union gewesen sind. Es ist die Absicht des Verfassers, einige weniger sichtbare Aspekte eines Jahrhunderts der Ölgeopolitik zu beleuchten, nicht um festgelegte Antworten auf eine in Fluß befindliche Weltsituation anzubieten, sondern eher um dazu beizutragen, daß sich der einfache Leser dazu herausgefordert sieht, hinter die Oberflächenerscheinung der gewohnten Darstellung in den Medien zu schauen und mehr als den Begleitton von fünfzehn Sekunden langen Tonhappen zu hören, um über die den weltpolitischen Entwicklungen zugrundeliegenden Verhältnisse nachzudenken.

           -- F. William Engdahl, November, 2002